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100 Jahre Gimpel-Westgrat
von Hermann Reisach
Vor hundert Jahren, im Sommer 1896, haben zwei Kletterer aus Kaufbeuren den Gimpel Westgrat zum ersten Mal bestiegen. Julius Bachschmid, 33 Jahre alt, war schon damals eine bekannte Bergsteigerfigur. Mit von der Partie war der Student Emanuel Christa. Bereits im Juni 1896 sind der Brauereibesitzer August Weixler aus Kempten und Julius Bachschmid über den Westgrat abgestiegen und abgeseilt. Eine Erkundung im Abstieg war damals, wie heute beim Sportklettern, durchaus üblich. Drei Monate später, im September 1896, haben dann E. Christa und J. Bachschmid den Westgrat zum erstenmal im Aufstieg gemacht. Die Erstbesteiger trugen einen Farbkübel bei sich und pinselten an das steilste Gratstück die Aufschrift NUR MUT! JOHANN! Dieser Emanuel Christa war auch der Erstbesteiger des bekannten Christaturms im Wilden Kaiser.
Abenteuerliche Abseilaktion
Den ersten Abstieg am Gimpel Westgrat, auch heute noch eine luftige und abenteuerliche Aktion, beschreibt August Weixler im Alpenvereinsjahrbuch 1899:
4. Juni 1896, Gimpel, mit Abstieg zum Sättele (heute Judenscharte):
Scharf schnürte sich jetzt der Grat zusammen, immer steiler wurde seine Neigung, die Wände zu beiden Seiten gestatteten kein Ausweichen mehr. Eine Seillänge brachte Bachschmid an das untere Gratende. „Geht es weiter?“ rief ich ihm zu. Er antwortete: „Sehr schlecht! Nur durch Abseilen!“ Er stand an einem 6 m hohen Überhang. Ich seilte ihn ab, für mich war guter Rath theuer. Wir waren immer noch etwa 80 m über dem Sättele und mussten uns bei dem Aussehen des Grates noch auf weitere Schwierigkeiten gefasst machen, deren Überwindung vermuthlich von der Anwendung des Seiles abhängig war. Wir besassen ein solches in der Länge von 16 m. Da ich mich vergeblich nach einem Abseilblock umsah, überwand ich den Überhang auf folgende Art. Rittlings auf der Gratschneide sitzend, mit dem Gesichte gegen den Abbruch, meisselte ich in dieselbe mit meinem Pickel eine Nut ein. Es war ein luftiger, keineswegs angenehmer Sitz; aber nach halbstündiger Arbeit hatte ich etwa eine 3 cm tiefe und 6 cm breite Rinne eingeschnitten. Sie diente als Führung für das Seil, wie eine Rolle eines Aufzuges. Das Seil, von Bachschmid unten gehalten, lief an der südlichen Gratflanke in die Höhe, während ich an der nördlichen Gratseite hieng und auf diese Weise heruntergelassen wurde. Anfangs fand ich noch als Stütze einige Griffe, die letzten 2 m aber pendelte ich frei in der Luft. Mir erschien diese Strecke, Zoll für Zoll durchmessen, unheimlich lang, und ich war herzlich froh, als ich wieder Boden unter meinen Füssen spürte. Die schlimmste Stelle war damit überwunden.
Das Projekt
Es war der 11. September 1896, ein Freitag, an dem Bachschmid und Christa den Westgrat erstmals im Aufstieg kletterten. Nach einer Übernachtung auf der Füssener Alpe waren sie morgens wegen des strömenden Regens schon wieder auf dem Nachhauseweg.
Ein paar Wolkenlöcher ermutigten sie schließlich doch zu ihrem „Projekt“. Am Gipfel fing es dann sachte zu schneien an. Das Kaufbeurer Anzeigenblatt berichtet von tagelangen Regenfällen und Hochwasser an Lech und Wertach in dieser Woche. Es muss ein wichtiges Projekt gewesen sein, wenn die beiden trotz der widrigen Wetterverhältnisse an einem Wochentag diese Tour zu Ende bringen wollten. Christa, damals 22 Jahre alt und Jurastudent, schrieb darüber einen Aufsatz Eine Klettertour, der hundert Jahre in einer Schulmappe, zuletzt im Keller einer Münchner Wohnung lagerte, bis ihn meine unablässige Neugier ans Tageslicht brachte:
Plötzlich verloren sich meine Gedanken ganz anderswohin, als das Eintreffen eines Briefes aus ferner Heimat in meinem Pandekteneifer mich unterbrach. „Lieber Freund!“ – hieß es in einem Brief aus der fernen Heimat – „Gestern gelang uns die erste Traversierung des Gimpels! … Westgrat im Abstieg … Drei Abseilstellen … eine brillante Tour, bis jetzt meine Schwierigste u.s.w. u.s.w.“ Schändlich! Infam! Ohne auf meine Rückkehr zu warten! Nur warten, ich will mich revanchieren! Was tun? Im Aufstieg wird er gemacht! Ha, ein neues „Problem“!
Gimpel – Abseilstelle – Traversierung – Westgrat – Abstieg – Problem –, was soll dieser unsinnige Wortkram? Gimpel in erster Linie. Dies ist ein Berg unserer nordtiroler Kalkalpen. Zweitens aber hängt hier an der Wand meines Zimmers meine Photographie. Schön ist sie nicht; aber freuen wird sie mich dennoch immer wieder und macht mir Spaß. Ein ganzer Knäuel von Stricken, pfundschwer, ist mir da um die Brust geschlungen. Der ist ein Bergsteiger und noch dazu ein ganz „verrückter“. So! Nun weißt Du vorerst genug von mir mein lieber Leser, und gestattest mir gerne einen Sprung in medias res.
Nur Mut! Johann!

Der Gimpel Westgrat, bei der Eisenbahnfahrt von München heraus schon am Horizont zu sehen und von Kempten her als kühne Steilwand auszumachen, war in diesen Jahren die große Herausforderung für die Kletterelite im Allgäu. Die Trettach und die messerscharfen Grate an der Höfats waren ja schon bestiegen. Wir wissen nicht, welche Berühmtheiten aus der Gegend oder aus München den Westgrat versucht haben. Seit 1893 gab es den Stützpunkt Tannheimer Hütte der Alpenvereinssektion Kempten. Jeder Hüttenbesucher hatte den Westgrat als „Problem“ vor der Nase. Aus Kaufbeuren war Bachschmids Nachbar, der Hauptlehrer Johann Wagner, einer der Anwärter für die erste Westgrat Begehung. Der Kleinmut des Schullehrers aber war viel zu groß für dieses Projekt. Möchten hätte er schon gerne wollen, aber dürfen hat er sich nicht getraut, so hat der Münchner Philosoph und Komiker, Karl Valentin, diesen kleinbürgerlichen Charakter beschrieben. Deshalb haben Wagners „Spezln“ ihn am Westgrat verewigt.
Geschwind jetzt Pinsel und Ölfarbe heraus und frisch drauf losgeschmiert! genau, wie wir’s gestern ausgemacht! Bald prangt auch in knallroten, fettglänzenden Lettern von der künstlerischen Hand meines Begleiters das klassische Wort: „Nur Mut! Johann!“ Darüber aber ein roter Pfeil, der gerade aufwärts deutet, unsern Weg zu bezeichnen, etwaigen Nachfolgern vielleicht zu fürsorglicher Belehrung, die beim Anblick des nicht sehr verlockenden Überhangs am Ende gar in Zweifel geraten möchten, ob es hier denn auch wirklich weiter gienge.
Kletterschuhe
Rasch werden jetzt die Kletterschuhe angelegt, die uns heute, da der Grat weder Graswuchs noch Schuttbedeckung aufweist, treffliche Dienste leisten. Ha!, wie klettert sich’s leicht auf diesen weichen Sohlen! Wie ruhig und sachte turnen wir uns hinauf am jähen Gefels! schreibt Christa in seinem Aufsatz Eine Klettertour.
Kletterschuhe mit Bast– oder Kautschuksohlen waren gerade in Mode gekommen. In der Alpenvereinszeitschrift bieten das Sportgeschäft C. Pfaff in München und der Schuhmacher Borack in Dresden das Paar zu 4.50 Mark an.

Julius Bachschmid
Julius Bachschmid (1863-1917) ist eine Überfigur der Allgäuer Bergsteigergeschichte. Ein Portrait auf dem Kaufbeurer Haus zeigt ihn in souveräner Pose mit Pickel unterm Arm im Garten seiner Villa. Bachschmid war Kaufmann von Beruf, sein Geschäft der Einkauf von Baumwollrohware für die „Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei“ in Kaufbeuren. Er starb früh, im „besten Mannesalter“, mit 54 Jahren im Krankenhaus an einem Herzleiden.
Emanuel Christa
Der zweite Akteur am Gimpel Westgrat war der 22-jährige Student Emanuel Christa (1874-1948). Er hat als erster den Turm im Wilden Kaiser bestiegen, der seinen Namen trägt. Christa war Geologieprofessor und arbeitete zehn Sommer lang an seinem Meisterwerk, einer geologischen Karte des oberen Zemmgrundes, das sind die Berge rund um die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen. Diese Karte wird heute noch als unübertroffenes Kunstwerk angesehen. Christa starb am 27. Februar 1948 an den Folgen eines Unglücksfalls in Fischbachau am Schliersee.
Beginn des Klettersports
Eine stürmische Entwicklung, wie heute beim Sportklettern, war in den Jahren vor der Jahrhundertwende zugang. Der Gimpel-Westgrat ist vom ganzen Allgäu aus am Horizont zu erkennen. Die Zeit war reif, dass auch diese Linie erklettert wurde.
Erfolgserlebnis
Christas vierzigseitiger handschriftlicher Bericht von seinem Erfolg am Gimpel endet mit dem Satz:
Lachend in ausgelassener Freude schwingen wir die Pickel und grüßen hinauf zu den nebelumflatterten Zacken, wo wir heute so recht nach Herzenslust uns ausgetollt. War's doch eine fesche und lustige Kletterei da droben, mitten in Wolken und Wind.
