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Forum Back:: Sanierungsgeschichte der Tannheimer Berge ::

Grundsätzlich ist ein Andrang von Kletterern auf´s Gebirge nichts Negatives. Viele Alpenorte leben vom Fremdenverkehr und sind auch auf Kletterer angewiesen. Groß ist die touristische Konkurrenz - das entfernte Ausland ist für viele näher gerückt als so mancher Alpengipfel. Doch allen, die sich in den Dienst des Umweltschutzes stellen, sollte bewusst sein, dass jeder, der zum Klettern ins Ausland fliegt, die Natur in weit höherem Maß belastet als jemand, der die heimischen Felswände durchsteigt. Es ist durchaus möglich, dass eine Sanierung der Kletterrouten, wie sie in den Tannheimer Bergen durchgeführt wurde, zu einem verstärkten "Run" auf dieses Gebiet führt. Jeder hat jedoch das Recht, in den Bergen zu klettern, und solange dadurch kein nennenswerter Schaden verursacht wird, spricht auch nichts dagegen - außer vielleicht ein gewisser Egoismus von der einen oder anderen Seite, welche die Bergwelt gerne "für sich alleine" hätte.

Trend zum Bohrhaken

Mitte der 80er Jahre entstand eine Vielzahl neuer Kletterrouten, selbstverständlich nach der "Devise" richtungsweisender Kletterer dieser Zeit, d.h. möglichst von unten erstbegangen, mit möglichst wenig Haken und nur wenn unbedingt nötig mit Einsatz von Bohrhaken. Meist mit Freunden zusammen gelang es mir, mehr als 50 Routen erstzubegehen sowie mehrere Übungsklettergärten in der Nähe der Berghütten sowie Abseilwege von den wichtigsten Gipfeln einzurichten.
Dass die meistbegangenen, also leichten Klettertouren in den Tannheimern zu den gefährlichsten gehören, hatte ich bald erkannt. Aus einem gewissen Idealismus heraus begann ich deshalb, an den Ständen AV-Sicherheitshaken zu setzen, natürlich von Hand, was pro Haken mindestens eine halbe Stunde dauerte. Auch überprüfte ich Normalhaken, welche als Zwischensicherungen dienten, und tauschte diese, falls nötig, aus. Da die klassischen Routen eine Vielzahl von Seillängen und sehr wenige oder gar keine Zwischenhaken aufwiesen, setzte ich welche. Abstieg vom GimpelDer Anteil an Bohr- gegenüber Normalhaken nahm also zu, vor allem ab 1990, als ich mir, wie inzwischen die meisten Erstbegeher oder Erschließer, eine Bohrmaschine anschaffte. Zunächst war es ein eher peinliches Gefühl, mit solch einem Gerät in die Berge zu ziehen und dort unter Motorengeräusch wie auf einer Baustelle zu arbeiten; doch die Vorteile waren enorm. Im Laufe von 10 Jahren wurden es somit ca. 1000 Normal- und Bohrhaken, die ich in etwa 80 bestehende oder neu eingerichtete Kletterrouten setzte.
Diese "Umrüstung" in den Tannheimern führte zu verschiedenen Veröffentlichungen, aber auch zu Meinungsverschiedenheiten. Alles trug im Endeffekt dazu bei, die Tannheimer Berge als Klettergebiet bekannter zu machen; die Zahl der Kletterer nahm im Gegensatz zu der in anderen alpinen Klettergebieten merklich zu, vor allem an bisher weniger frequentierten Gipfeln wie Aggenstein, Sebenkopf und Gehrenspitze. Gleichzeitig schlich sich jedoch bei mir ein ungutes Gefühl ein, denn es wurde bekannt, dass einige der Bohrhakentypen, welche wir damals verwendet hatten, mit der Zeit zu rosten beginnen und somit an Zuverlässigkeit verlieren würden. Dass Normalhaken hinsichtlich ihrer Haltekraft nicht abschätzbar sind, hatten zudem inzwischen verschiedene Studien bewiesen. Immer wenn ich den Rettungshubschrauber von Innsbruck über das Lechtal in Richtung Tannheimer Berge fliegen sah oder hörte, bekam ich Herzklopfen. Die Angst, dass sich jemand wegen eines "schlechten" Hakens, den vielleicht sogar ich platziert hatte, verletzen oder tödlich abstürzen könnte, beherrschte meine Gedanken. Der Rettungshubschrauber kam oft in den 90er Jahren - zum Glück nie aus diesem Grund! Erst Mitte der 90er kamen ideale, nichtrostende Bohrhaken auf den Markt; seitdem setzten wir diese in neuen Kletterrouten ein, und bald verzichteten wir ganz auf  Normalhaken - die Vorteile des rostfreien Bohrhakens sind unumstritten.

Die heilige Kuh geschlachtet

Toni Freudig beim Sanieren der Unfallroute

Die Entwicklung hätte sich vermutlich so fortgesetzt: Die neueren Routen wären mit sicheren Haken ausgestattet worden, in den meistbegangenen Routen, den Alten Südwänden & Co, hätte man an den Ständen neben den AV-Ringen ( - diese wurden in wenigen Routen akzeptiert, gebohrte Zwischenhaken jedoch keinesfalls -) die "unsicheren" Normalhaken als Zwischensicherungen belassen.  Wohl niemand hätte gewagt, dieses "absicherungsethische Dogma" anzukratzen ... wäre nicht am 8. März 1997 ein schreckliches Unglück in solch´ einer "alten" Tour passiert: Gleich drei Kletterer stürzten als Seilschaft in den Tod, 2 Normalhaken wurden dabei aus der Wand gerissen. Heftige Diskussionen um Sicherheit und Risiko beim Klettern entbrannten. Die einen verteufelten die alten Haken noch mehr, die anderen erhoben den warnenden Zeigefinger mit den Worten: "Den Kletterern von heute fehlt die Eigenverantwortung!" oder "Bergsteiger haben den Instinkt verloren!" - beides Feststellungen, die richtig, aber auch falsch sein können, was uns jedoch nicht weiter bringt.
Für mich jedoch war klar: Wenn diese Haken sicher gewesen wären, hätte es keinen Seilschaftsabsturz gegeben. Tief betroffen stand ich drei Tage später mit Bohrhaken und -maschine am Einstieg der unfallträchtigen Klettertour. Zusammen mit dem Alpin-Gendarmen Walter Schimpfössl aus Reutte und seinem Kollegen stieg ich in gedrückter Stimmung entlang der Blutflecken hinauf und setzte sichere Bohrhaken. Selbst an der berühmten Schlüsselstelle, dem A1-Überhang, zogen wir die Normalhaken aus dem Riss und tauschten sie gegen neue aus - "die heilige Kuh war geschlachtet!"

Emotionen und Bürokratismus pflastern den Weg

Als ich dann die Beerdigung der abgestürzten Kletterer miterlebte, die tiefe Trauer und das Leid der Angehörigen & Freunde hautnah spüren konnte, beschloss ich, von nun an ohne Rücksicht auf irgendwelche "altmodischen" Kletterer eine systematische Sanierung der Kletterrouten in den Tannheimern voranzutreiben. Der Bürgermeister des Ortes Oy, Heimat der Verunglückten, sowie die betroffenen Alpenvereinsvorstände sicherten mir spontan ihre Unterstützung zu. Den "Presserummel" nutzte ich für das geplante Vorhaben. Einige Gleichgesinnte waren bald gefunden. In den folgenden Wochen gab es fast täglich Presse-, Radio-, Fernseh- oder Versammlungstermine, unzählige Briefe waren zu verschicken. Ein Überblick über das SanierungsmaterialNun galt es, Spendengelder aufzutreiben, mit den zuständigen Gruppierungen in Kontakt zu treten und sie zur Mitarbeit zu bewegen. Die richtungsweisende Veranstaltung fand Ende April 1997 in Oy statt: ein Vortrag, bei dem Sicherheitsexperte Pit Schubert die Problematik von Normalhaken erörterte und ich die "Unfallgeschichte" sowie die besonderen Bedingungen in den Tannheimer Bergen darstellte. Die Resonanz übertraf die Erwartungen: Die Besucher spendeten spontan fast 1000 Euro; weitere Unterstützung wurde zugesagt.
Glücklicherweise fand der Sanierungsgedanke auch beim Österreichischen Alpenverein  Anklang: Robert Renzler und Michael Larcher schalteten sich ein und schafften es bald, alle beteiligten Personengruppen an einen Tisch zu bekommen. Daraus entstand eine Arbeitsgemeinschaft "Sicheres Klettern in den Tannheimer Bergen", welche zunächst elementare Richtlinien ausarbeitete. Da sich ein großer Arbeitskreis oftmals selbst ausbremst, wurde eine kleinere Gruppe, bestehend aus 8 Bergführern, als Entscheidungsgremium für die weitere, detaillierte Vorgehensweise gebildet. Nun galt es noch, das finanzverwaltende und steuerrechtliche Problem zu lösen - Spender freuen sich schließlich, wenn sie ihre Zuwendungen steuerlich absetzen können. Dazu hob ich den Förderverein "Sicheres Klettern in den Tannheimer Bergen” aus der Taufe. Die administrativen Arbeiten, die nun folgten, schienen endlos: hunderte von Briefen, Projektbeschreibungen, Finanzierungspläne, Kriterienkataloge, Unfallstatistiken, Tourenauflistungen usw. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Immer mehr Geld floss in die Vereinskasse, und bereits zwei Monate nach dem Unfall konnte mit der Sanierungsarbeit begonnen werden.

Sanierungsphasen

Voller Eifer stürzten wir uns Anfang Sommer 1997 in die erste Sanierungsphase. Ziel waren die meistbegangenen Kletterrouten rund ums Gimpelhaus. Meist mit zwei, drei, manchmal sogar vier Seilschaften arbeiteten wir in den Wänden, unterstützt durch das "Bodenpersonal": Helfer, die Akkus für die Bohrmaschinen und anderes Material organisierten sowie Wanderer bzw. Kletterer informierten, wo gerade gearbeitet wird, und vor Steinschlag warn-
ten. Bereits 4 Wochen, noch bevor die Klettersaison richtig begann, waren die 18 wichtigsten Routen mit 350 Bohrhaken saniert und damit die ersten 7000.- Euro aufgebraucht.
Um die Sanierung fortzusetzen, galt es nun weitere Spenden zu sammeln. Noch im gleichen Jahr konnten wir die Gimpel-Nordwand, die Gehrenspitze und den Aggenstein mit sicheren Bohrhaken ausstatten. 1998 wurden dann in einem dritten Abschnitt die Hochwiesler Baseclimbs, die Rote-Flüh-SW-Kante sowie weitere Routen am Gimpel und Sebenkopf saniert.
Das primäre Ziel war die Absicherung der wichtigsten 20 bis 25 Routen in den Tannheimern - geträumt hatte ich von 30 bis 40 Routen - diese Traumzahl wurde sogar übertroffen: 52 Routen konnten wir 1997/98 sanieren. Später kamen vor allem kürzere Klettergarten-Routen dazu, so dass wir in den Tannheimern insgesamt auf 70 Routen, die von unserem Förderverein saniert oder eingerichtet wurden, zurückblicken können.
Sanierungsarbeiten am Hochwiesler Auch die Steinschlaggefahr konnten wir einschränken, indem wir Routen von losem Gestein befreiten und Warnschilder aufstellten. Die eigentliche Sanierung war somit abgeschlossen. Weitere Touren, darin waren wir uns einig, sollten nur noch saniert werden, wenn es besondere Gründe dafür gäbe. Auf jeden Fall wollten wir einen großen Teil der Tannheimer Kletterrouten in ihrem ursprünglichen Zustand belassen. Kletterer, welche nicht-sanierte Touren vorziehen, sollten weiterhin solches Terrain finden. Zudem ist es durchaus interssant, wenn auch in Zukunft die Möglichkeit besteht, so zu klettern, wie unsere Vorgänger dies taten. Letztlich stärkt die Wiederholung gefährlicherer Routen unsere "Klettermoral", und auch die jüngeren Kletterer benötigen ein Trainingsterritorium für große alpine Unternehmungen.

Bereits ein Jahr später kam eine neue Aufgabe auf uns zu. Gerhard Vonier, Wirt der Hermann-von-Barth-Hütte, fragte an, ob wir "seinen"  Kletterberg, die Wolfebnerspitze, nicht im gleichen Stil sanieren könnten wie die Tannheimer Berge. So zogen wir 1999 mit unseren Bohr-maschinen ins Lechtal. 35 Tage waren wir dort oben beschäftigt. Die Arbeit machte noch mehr Spaß als in den Tannheimern, schließlich konnten wir dort ein Gesamtkonzept entwickeln und so umsetzen, wie es sich Kletterer wünschen. Mit fast 800 Bohrhaken wurden 43 Routen saniert bzw. neu eingerichtet, sichere Abseilwege und ein kurzer Übungsklettersteig entstanden, umweltfreundliche Zu- und Abstiegswege wurden angelegt. Die positivste Begleiterscheinung war jedoch, dass wir in diesem Gebiet mit keinem Sanierungsgegner zu kämpfen hatten und ich mich diesmal nicht um die Finanzierung kümmern musste - diese übernahm die zuständige DAV-Sektion Düsseldorf.

Dass unsere Arbeit trotz des "eigentlichen" Abschlusses der Sanierungsarbeiten nicht zu Ende sein würde, war klar:
Die Absicherung mancher Routen bedurfte noch der Korrektur; Wartungsarbeiten standen an: z.B. das wiederholte Ausräumen von losem Gestein, das Überprüfen bzw. Reparieren von Warnschildern oder Stahlseilstrippen an Abseilständen sowie das Austauschen von Bohrhaken, die durch Steinschlag beschädigt worden waren. Dass uns dies noch jahrelang beschäftigen würde, war uns damals jedoch nicht so ganz bewusst. Heute, 9 Jahre nach Sanierungsbeginn, haben wir zwischen Aggenstein und Gimpel, zwischen Wolfebner- und Gehrenspitze ziemlich genau 50 000.- Euro investiert und 113 Kletterrouten (mit durchschnittlich 20.- bis 25.- Euro pro Haken) saniert bzw. eingerichtet.

Arbeiten am Berg

Die Sanierungsarbeiten waren hart und forderten ständige Konzentration. 10 - 12 Std. am Stück, manchmal länger,
hingen die Seilschaften in den Wänden. Bitterkalte, regnerische, z. T. sehr stürmische Tage erschwerten die Arbeiten. Bei einem starken Gewitter am Aggenstein trommelten die Hagelkörner auf die Helme, schmerzten wie Nadelstiche auf den Schultern, ließen keinen Quadratzentimeter Kleidung trocken! Das Einbohren der Sechser-Touren in der Gimpel-Nordwand bei Nässe und im Vorstieg war eine echte Herausforderung. Leicht hätte es zu Verletzungen kommen können, als ein Seilschaftsmitglied samt Bohrmaschine, Rucksack und sonstigen Utensilien stürzte oder als der Schaltknopf einer Bohrmaschine durch Verklemmen einer Seilschlinge unabsichtlich betätigt wurde und sich dadurch der Bohrer mit voller Kraft in die Hose eines Sanierers wickelte. Verbrennungen durch heiße Bohrer oder aufgerissene Hände durch das Entfernen tiefsitzender Normalhaken waren an der Tagesordnung. Einige Male entgingen wir nur knapp einem Steinschlag, der schwerste oder gar tödliche Verletzungen hätte verursachen können. Diese ständige Konfrontation mit der Gefahr versetzte mich als Koordinator der Arbeitsgruppe vor Ort in eine dauernde, oft unangenehme Spannung.

Gemeinsam waren wir stark

Die fleißigsten Helfer seien hier genannt: Heinz & Bernd Strobach, Reinhard Beck, Heinz Sommer, Dieter Stopper, Matthias Hill,  Willi Berghäuser und Pier Weidt. Dass jeder Beteiligte einen Tag ehrenamtlich tätig war, ersparte viele Arbeitskosten; ebenso verwendeten alle Mitarbeiter ihre eigene Kletterausrüstung. Vor allem aber auch durch die finanzielle Unterstützung zahlreicher Personen und Einrichtungen war diese Sanierungsaktion durchführbar. Dank gilt deshalb allen Beteiligten & Spendern, die großzügigsten seien an dieser Stelle erwähnt: Kreis- und Stadtsparkasse Sonthofen-Immenstadt, die Gemeinden Oy-Mittelberg und Pfronten, Landratsamt Ostallgäu,  die DAV-Sektionen Augsburg, Oy, Allgäu-Immenstadt, Stuttgart, Kempten, Füssen, Pfronten, Günzburg, Memmingen, Kaufbeuren, Neu-Ulm, Gablonz, Weiler, Bad Wörishofen, Immenstadt, Bad Kissingen, Schwaben, Heilbronn und vor allem Düsseldorf mit ihrem überaus rührigen, viel zu früh verstorbenen Hüttenwart Gerd Hammel, sowie folgende Privatpersonen:
Hans Hundegger, Ruth Auschra und Heinz Fischer. Nicht zu vergessen ist schließlich das Entgegenkommen der Hüttenwirte, allen voran die Wirtsleute des Gimpelhauses, Heinrich &  Vroni Guem.


Toni Freudig, Pfronten, April 2006

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