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Schwerer Steinschlagunfall am 13.06.09 am Schäfer

Wie viele andere Gruppen stiegen wir am Samstag, den 13.06.09, zu den Kletterwänden der Tannheimer auf. Im Rahmen eines Fortgeschrittenenkurses "Rettung aus Klettergelände" peilte ich mit meiner Gruppe das übungsgelände am Fuß der Zwerchwand an. Kurz bevor wir dort ankamen, wurde mein Blick durch ein Geräusch in Richtung Schäfer gelenkt. Was sich dort abspielte, ließ nicht nur mich erstarren, sondern ca. 30 weitere Bergsteiger, die sich im Aufstieg befanden. Vom Wanderweg direkt unterhalb der Schäfer-Südwand rollte ein Körper wie leblos ca. 60 m den steilen, steindurchsetzten Grashang hinunter. Meine Gedanken überschlugen sich ebenfalls: Warum reagiert er nicht? Die Person musste bewusstlos sein. Aber durch solch einen Sturz verliert man doch nicht gleich das Bewusstsein. Hatte er/sie vielleicht einen Schlaganfall erlitten und war deshalb abgestürzt?

So schnell es ging, lief ich zur Unfallstelle. Zwei andere Bergsteiger waren bereits dabei, einen Druckverband um den Kopf des Verletzten zu legen. Oberhalb der Schläfe war die Schädeldecke eingeschlagen, Blut quoll pulsierend heraus ... furchtbar! Wir, d.h. mehrere Staatlich geprüfte Bergführer und Rettungsassistenten, versuchten so gut es ging zu helfen. Zum Glück kam schnell ein Hubschrauber mit Notarzt. Der Patient erbrach sich, musste seitlich gelagert und dann zur Intubation wieder auf den Rücken gedreht werden. Blut und Erbrochenes wurden abgesaugt, das EKG beobachtet und Medikamente injiziert; die Beatmung erfolgte schließlich künstlich mit Ambubeutel. Endlich konnte der Schwerstverletzte in den Rettungsack gepackt und in die Notfallklinik geflogen werden. Zurück blieben blutverschmierte Ausrüstungsgegenstände, rot gefärbte Steine und Grasflächen sowie betroffene, schockierte Gesichter. Nicht klar war zu diesem Zeitpunkt, weshalb noch ein zweiter Hubschrauber über uns kreiste.

Allmählich wurde bekannt, was passiert war: Eine Alpenvereinsektionsgruppe hatte sich die Route "Svenja" in der Schäfer-Südwand ausgesucht. Doch bereits in der ersten Seillänge war ein 30x40 cm großer Felsblock ausgebrochen und an der eigenen Gruppe vorbei auf 2 Mitglieder einer anderen Bergsteigergruppe gestürzt, die sich gerade auf dem Wanderweg ca. 50 m tiefer befand. Ein Mann war nur leicht am Kopf verletzt worden und wurde nun von dem zweiten Hubschrauber abgeholt. Er hatte sich noch selbständig aus dem Gefahrenbereich Richtung Nesselwängler Scharte retten können. Einen anderen jedoch hat es voll erwischt - deshalb war dieser so regungslos den Hang hinuntergerollt.

Übersicht Svenja

Zusammen mit einem Bergführerkollegen stieg ich zum Rest der Gruppe auf. Nicht nur Freunde, auch der Neffe und der 12-jährige Sohn des Abgestürzten waren dabei. Zum Glück konnten wir berichten, dass der Papa zwar schwer verletzt, aber bestens versorgt wurde, sein Herz stabil schlägt und er in wenigen Minuten in einem guten Krankenhaus von guten ärzten versorgt wird. Das Kind schien gefasst und meinte: "Ich weiß schon, da wird Papa geröntgt und dann wird die Wunde zusammengenäht." - Es schnürte mir fast die Kehle zu.

Dann stiegen wir weiter hinauf zu den "Svenja-Kletterern". Tief betroffen standen diese immer noch am Einstieg. Wir schilderten ihnen den Zustand des/der Verletzten. Auch mir sind im Laufe meines Kletterlebens schon viele Steine ausgebrochen. Ich hatte Glück, dass niemand getroffen wurde. Dieses Glück hätte ich ihnen auch gewünscht. In der Regel kann der Steinauslösende juristisch nicht zur Rechenschaft gezogen werden, in manchen Fällen wohl doch. Wie es wohl hier ausgeht? Die Gruppenmitglieder wurden anschließend vorsichtig mit dem Seil über den steilen Vorbau auf den Weg abgelassen.

Unter Fachleuten entbrannte nun eine heftige Diskussion. Manche sind der Meinung, dass eine gewisse Steinschlaggefahr auf Fußwegen unterhalb von Kletterrouten immer besteht - ein Restrisiko, das jeder Bergsteiger auf sich nehmen muss. 2002 bis 2005 wurden an einer Wandflucht, die früher nicht begangen wurde, 15 neue Kletterrouten eingerichtet. Für Personen, die sich unterhalb auf den Wanderwegen befinden, stellen diese Routen insgesamt eine erhöhte Steinschlagbedrohung dar. Zwei Kletterwege (Svenja und Paartaler Pfeiler) sind dabei herausragend gefährlich. In meinem Kletterführer "Tannheimer Sonnenseite" appelliere ich, an stark frequentierten Wochenenden und Feiertagen auf Begehungen (zumindest des Paartaler Pfeilers) zu verzichten. Andere Führer enthalten diesen Sicherheitshinweis nicht. Im Forum www.klettern-tannheimer.de hat Rainer Lampatzer bereits im Oktober 2008 vor Steinschlaggefahr aus der Route Svenja gewarnt. Doch die gefährlichen Routen wurden weiterhin eifrig beklettert.

Wenige Tage nach dem Unfall bekam ich einen Anruf. Ein Freund des Verunglückten teilte mir mit, daß dieser nicht mehr aus dem Koma erwacht und schließlich an der schweren Kopfverletzung (trotz Helm!), gestorben sei. Mit schmerzendem Mitgefühl denke ich an den 12jährigen Jungen, der zuschauen musste, wie sein Vater den Hang hinunter rollte, und "Papa, Papa!" hinter ihm her schrie. Der Tote hat noch zwei kleinere Kinder und eine Frau, die nun ohne ihn das Leben meistern müssen.

Um die von Kletterern ausgehende Steinschlaggefahr auf den Wanderwegen zu reduzieren, hat der "Arbeitskreis Sicheres Klettern in den Tannheimern" schliesslich die Einrichter aufgefordert, die drei gefährlichsten Routen (Svenja, Paartaler Pfeiler und dessen Abseilweg) abzubauen. Was Svenja und den Abseilweg betrifft, kamen die Erstbegeher der Forderung des Arbeitskreises nach. Der Paartaler Pfeiler dagegen wurde so verändert, dass die Tour nach der 4. Seillänge endet und über die Route wieder abgeseilt werden kann. Ob letztere Konsequenz einen ausreichenden Sicherheitsgewinn darstellt, bleibt abzuwarten.

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