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Rote Flüh Südwestwand
von Wolfgang Albers (Journalist Sonntag Aktuell)
Immer mehr Menschen klettern. Zum Glück sind es immer weniger, die dabei abstürzen. Was an Bergsteigern wie Toni Freudig liegt - und Ringen aus Metall.
Die Arme zittern schon, lange darf ich nicht mehr zögern. Ich hänge auf der Schneide eines Felsblockes, an einem rutschigen Griff, den schon ganze Klettergenerationen glatt poliert haben – sicher auch mit ihrem Angstschweiß. Eineinhalb Meter muss ich runter. Nicht auf sicheren Boden, sondern auf eine abschüssige Felsplatte, die senkrecht abbricht in die Tiefe – 100 Höhenmeter bis zum Fuß der Felswand der Roten Flüh, einem der markantesten Berge über dem Tannheimer Tal.
Vorsichtig lasse ich mich ab. Winzige Tritte, in die ich gerade die Zehen meiner Kletterschuhe quetschen kann, halten mich. Und wenn nicht? Dann stürze ich. In die Tiefe, aber auch in ein Seil. Und dieses Seil hält Toni Freudig, ein Bergführer aus Pfronten, und nicht nur sein breites Kreuz und seine Erfahrung garantieren mir, dass das Seil in guten Händen ist – sondern auch ein Ring aus Metall.
Dieses lebenswichtige Utensil fehlte, als im März 1997 eine Dreierseilschaft in die Route „Südwestwand“ der Roten Flüh einstieg. Ein Ehepaar in den Dreissigern, und ein Jugendlicher, Sohn einer befreundeten Familie. Sie kamen an die Stelle mit dem sperrigen Felsblock. Der Mann, ein erfahrener Alpinist, kletterte hinüber, querte auch die abschüssige Felsplatte und kam in leichteres Felsgelände. Vielleicht ist ihm da ein Griff weggebrochen oder ein Tritt, vielleicht war der Fels nass oder schmierig. Jedenfalls – er stürzte. In das Seil, das seine Frau hielt.
Wer einen Stürzenden halten will, muss selber gehalten werden, um nicht mitgerissen zu werden. Diesen Halt gibt der Berg. Man kann sich am Fels festbinden – aber solche Gelegenheiten sind selten. Deshalb haben Bergsteiger Haken ersonnen: Metallstifte mit Ösen daran. Mit einem Hammer wurde dieser Haken in Felsritzen gedroschen. Gab der Haken einen singenden Ton von sich, galt er als sicher verkeilt.
Als die Dreierseilschaft an die kritische Stelle kam, steckten dort zwei Haken. Hatten sie gesungen beim Einschlagen? Hatte Wasser im Spalt sie rosten lassen? Das war das Problem bei der Kletterei an geschlagenen Haken: Man wusste es nicht. Als der Mann nun stürzte, landete die ganze Wucht des Falles in den Haken. Und die brachen aus. So riss der Mann seine Frau und den Jungen mit in die Tiefe. Die abschüssigen Wandplatten katapultierten die Drei so hinunter, dass erst ein Wald weit unter dem Wandfuß ihre zerschmetterten Körper stoppte.
Der Haken, durch den mein Seil läuft, ist auch aus Metall. Aber er ist in den Fels einbetoniert, und dies in einem Loch, das in den Fels gebohrt wurde. Deshalb nennt man diesen Haken Bohrhaken. Toni Freudig hat diesen Haken angebracht. Drei Tage nach dem Begräbnis der Abgestürzten. Es war sehr aufwühlend, gerade auch wegen des toten Kindes. „Jetzt reicht's“, sagte sich Toni Freudig damals, stieg entlang der Blutspuren in die Unglücksroute, Bohrhaken am Gurt und eine Bohrmaschine um den Hals. Als sich der Bohrmeißel in den Fels fraß, bohrte er nicht nur den Widerstand des Felsens weg – sondern den gegen Bohrhaken überhaupt.
Die Erstbegeher hatten ja auch keine Bohrhaken, argumentieren die Bohrhaken-Gegner im Namen der Tradition. Und auch eines Kletterideals, das Heroisches forderte. „Gefahr ist Nervenpfeffer“, dekretierte im 19. Jahrhundert Guido Lammer, einer der Propagandisten des Durstes nach Todesgefahr.
Mit Hanfstricken, Bastsohlen unter den Segeltuchschuhen und einer unglaublichen Unerschrockenheit sind die Kletterpioniere an der Roten Flüh eingestiegen. Als eine der ersten boxten sich fünf Münchner Kletterer im Jahr 1919 durch die Route „Südwestwand“ hoch. Wir spreizen uns auf ihren Spuren Kamine hoch, überklettern Blöcke, fingern in Rissen nach Halt und schieben uns eine glatte Platte hoch. Und das alles in einem alten, verwitterten Wackel-Fels. „Unsere Bruchheimer“, kommentiert Toni Freudig.
Nur die Elite der Kletterer durfte sich hier hoch wagen. Und tat das meist nicht lang. Toni Freudig hat die Klettergeschichte der Tannheimer zusammengetragen: „So extrem waren die meisten nur kurz unterwegs. Entweder sie fielen runter oder heirateten – dann haben die Frauen das Klettern verboten.“
Wir kommen an einen Überhang. Fast keine Tritte und Griffe. Aber über uns metallener Schimmer. Bohrhaken. Toni Freudig zieht sich am ersten hoch, hängt Schlingen ein. Schwankende Hilfs-Tritte. Neben den Bohrhaken steckt noch ein geschlagener Haken. An ihm hingen die Pioniere, mit ganzen Gewicht und nichts als viel, viel Luft unter dem Hintern.
Toni Freudig hat selbst noch so geklettert. Der Pfrontener, zuerst in den Bergen der Welt unterwegs, hatte sich seit den 80-er Jahren auf die Tannheimer Berge spezialisiert. Eine Frau auf einer Hütte band, aber auch der Wunsch, sich in der Heimat alpinistisch zu verewigen, mit mehr als 50 Routen-Erstbegehungen. Heikles Klettern im Neuland: „Oft wussten wir nicht, ob die Kraft ausreichen würde, um an die nächste Stelle zu gelangen, die das Eintreiben eines Normalhakens ermöglicht.“
Aber Toni Freudig war auch Bergführer und wusste, dass viele Durchschnitts-Bergsteiger es weniger nervenzerfetzend liebten. Also begann er, Routen sicherer zu machen: rostige Normalhaken gegen neue auszutauschen und auch schon Bohrhaken zu setzen. Und damit löste er auch in den Tannheimern aus, was alpinweit unter dem Stichwort „Bohrhakenstreit“ bekannt wurde. Toni Freudig bekam heftige Gegenwehr derer, die mehr Sicherheit am Berg als Weichei-Klettern verachteten, zu spüren: „Manchmal hab ich mich schon kaum aus dem Haus getraut.“
Es mussten erst noch Menschen sterben. Einmal hatte Toni Freudig in der Wand des Gimpel einen Pfeil gemalt, der die Richtung einer leichteren Route zeigte. Prompt wurde die Farbe abgekratzt. Bis sich ein Theologiestudent in eine schwerere Route verstieg und abstürzte. Die Erinnerung an seinen zerbrochenen Schädel hat Toni Freudig noch heute im Kopf, und er kennt auch die Mutter: „Sie ist bis heute nicht über den Tod ihres Sohnes hinweggekommen.“
Seitdem blieb der neugemalte Pfeil unangetastet. Vor allem aber rüttelte der Absturz der Dreier-Gesellschaft viele auf. Toni Freudig fand viele Mitstreiter und gründete den Förderverein „Sicheres Klettern in den Tannheimer Bergen.“ Der hat in den letzten zehn Jahren 113 Routen mit Bohrhaken ausgerüstet. Die Tannheimer sind inzwischen ein sehr beliebtes Kletterrevier. Vor allem aber: Kein Kletterer starb mehr durch das Versagen eines Hakens. Was die dortige Todesrate um immerhin 70 Prozent reduzierte.
Die letzten Seillängen zum Gipfel. Sie sind leicht. Toni Freudig spurtet geradezu hinauf. Eine Regenfront steht über den Bergen gegenüber, am Ausstiegspunkt stößt uns der Wind mit Böen. Schnell runter vom Gipfel, schnell weg vor dem drohenden Gewitter. Wir kommen trocken zum Gimpelhaus. Der Wirt setzt sich zu uns und hat schlechte Nachrichten. Ein bekannter Kletterer aus Reutte ist unangeseilt zu Tode gestürzt. Die Berge – sie bleiben gefährlich.
Dieser Artikel erschien am 28. September 2008 in Sonntag Aktuell
